Literatur und Philosophie
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Unterprojekt 2: Verführung (Prof. Dr. Schamma Schahadat)



Stand der Forschung

s. Dachprojekt.

Speziell zu dem Thema „Verführung“ gibt es nur wenig Literatur: über die Platonische Linie der Philosophie s. neben Foucault in den drei Bänden von Sexualität und Wahrheit (1983-1989) auch über Foucault (Schmid 2000), zur Verführung in der Politik s. Bohn (1994), zur Verführung als postmoderne Strategie s. Baudrillard (1992). Der Klassiker über die Verführung bleibt natürlich Kierkegaard mit seinem Tagebuch eines Verführers (1988). Zur Verführung aus Gender-Perspektive s. Vinken (1991).




Ziele und Arbeitsprogramm

Literatur und Verführung, Philosophie und Verführung - Die russische Philosophie in platonischer Tradition

Das Ziel des Projekts liegt darin, eine Geschichte der Verführung zu schreiben, die sich vornehmlich auf literarische und philosophische Texte der russischen Kultur bezieht. Bezüglich der Literatur bedeutet das, die Verführungsszenen in literarischen Texten einer Neulektüre zu unterziehen:  beginnend im Sentimentalismus (Karamzins Bednaja Liza / Die arme Liza von 1792) und der Romantik (Lermontovs Demon / Der Dämon und Geroj našego vremeni / Ein Held unserer Zeit) über die Romane Dostoevskijs und Tolstojs im Realismus, den russischen Symbolismus und die Romane der 20er Jahre (Ėrenburg, Chulio Churenito / Julio Jurenito) bis hin in die Literatur des Stalinismus weist die russische Literatur eine Vielzahl von Verführungsszenen auf;  der Verführer tritt in der Gestalt des Teufels (Dostoevskij, Tolstoj, Sologub), der Don Juan-Figur (Karamzin, Puškin, A.K. Tolstoj), der Frau (im russischen Symbolismus: Belyj, Brjusov) oder auch als politischer Verführer (Gippius), als Verräter (in der Literatur und im Film des Sozialistischen Realismus), als Philosoph (Dostoevskij, Gor’kij)  oder auch in Gestalt der Macht, z.B. als Peter der Große (Puškin, Merežkovskij), auf.  In pathologischer Variante findet sich der Verführer in Nabokovs Lolita.

Für die russische Philosophie gilt, dass sie von Anfang an in der platonischen Tradition einer sinnlichen Philosophie steht, die sich aus der Perspektive der Verführung lesen lässt. Auch die russischen Philosophen des 19.-20. Jahrhunderts (Petr Čaadaev, dessen Philosophischen Briefe von 1828-1830 auf französisch an eine weibliche Briefpartnerin gerichtet sind; Lev Karsavin, der in seinen Noctes Petropolitanae von 1922 ein Ambiente der Verführung entwirft; Vjačeslav Ivanov, der in seinem Turm das platonische Symposium re-inszeniert) lassen sich in dieser Tradition lesen; sie alle praktizieren eine verführerische philosophische Rede.

Es ist allerdings zu berücksichtigen, dass diese platonische Linie der Philosophie, wie ich sie nennen möchte, nicht unbedingt auf direktem Weg von den russischen Philosophen rezipiert wurde; diese Rezeption machte zum Teil einen Umweg über barockmystische und romantische Denker (Jacob Böhme, Franz von Baader, Schelling), so dass die russischen philosophischen Schriften ein synkretistisches Konglomerat ergeben, in das platonische Ideen ebenso eingehen wie christlich-mystische. Das bedeutet auch, dass das Konzept der Verführung unterschiedlich gedeutet und im Text eingesetzt wird: Während bei Platon die Verführung in dem Moment greift, in dem die Trias des Guten, Wahren und Schönen gestört ist, wird Verführung in christlicher Perspektive mit dem Teufel, oft in Verbindung mit dem Eros und der Sinnlichkeit, kurzgeschlossen, d.h. hier kommt die agonale Dimension in der Beziehung zwischen dem Schönen und dem Wahren, der Ästhetik und der Philosophie, zum Tragen.

Zusammengeführt werden Philosophie und Literatur an dem Punkt, an dem die Philosophen literarische Werke analysieren und diesen eine verführerische Kraft zuschreiben: Wenn der Religionsphilosoph Nikolaj Berdjaev die Figuren Gogol’s und Dostoevskijs für die russische Revolution verantwortlich macht („Chlestakov, Verchovenskij und Smerdjakov“, Berdjaev 1988, 48), dann schreibt er der Literatur die Kraft zu, das Böse in der Wirklichkeit zu begründen: Literarische Figuren sind in Berdjaevs Wahrnehmung Verführer der Wirklichkeit.

Die Geschichte der Verführung in der russischen Literatur und Philosophie wird aus folgenden größeren Abschnitten bestehen:

1.      Theoretisches Kapitel: Zunächst muss geklärt werden, was Verführung bedeutet und inwiefern das Konzept der Verführung nicht nur als motivisches Element in der Literatur untersucht werden kann, sondern auch auf die Philosophie anwendbar ist. Ich werde mich zunächst an Jean Baudrillard Verführungs-Theorie orientierten; Baudrillard verortet die Verführung außerhalb einer Ordnung des Logos und schreibt ihr eine subversive Kraft zu. Er befreit die Verführung von ihrer negativen moralischen Einschätzung und positiviert sie als Möglichkeit einer Alternative zum herrschenden Diskurs – hier wird die diskursive Konkurrenz zwischen Literatur und Philosophie ausgespielt.

2.      Urszenen der Verführung: Zwei Texte sollen mir als Folie dienen für die Genealogie der Verführung: Platons Symposion für eine „Philosophie der Verführung“ und die biblische Erzählung vom Fall des Menschen im Paradies, die all das, was bei Platon positiv markiert ist (Philosophie, Wissen und Eros), negativ deutet: Sowohl die Frau als auch das Wissen sind in dieser christlichen Urszene negativ besetzt, Eva, die Frau, erscheint als Gegenpol des Göttlichen, als Handlangerin des Teufels, und Wissen ist das Böse, das durch Verführung erlangt wird. Wissen erscheint, anders als bei Platon, als Abfall von Gott. Die Gender-Perspektive wird im übrigen in Bezug auf die Geschichte der Hysterie (s. dazu z.B. von Braun 1994) weitergetrieben, so bei Sigmund Freud mit seinem Fall Dora.

3.      Verführer in der Literatur: Dieses Kapitel wird – aufgrund der Verführer in der Weltliteratur (Mephisto, Don Juan, Valmont aus den Liaisons dangereuses oder Kierkegaards Verführer) – eine Typologie von Verführer-Figuren erstellen. Zu berücksichtigen ist hier Kierkegaards Unterscheidung zwischen dem unreflektierten, sinnlichen Verführer und dem reflektierten Verführer. Davon ausgehend werden die oben genannten russischen literarischen Texte aus dem 19. und 20. Jahrhundert analysiert.

4.      Philosophie als Verführung: Hier findet die Analyse auf zwei Ebenen statt: Einerseits sollen die Verfahren analysiert werden, mithilfe derer philosophische Texte verführen (oder zu verführen versuchen), andererseits wird die Thematisierung der Verführung in Essays der russischen Philosophen berücksichtigt (Text als Verführung vs. Versprechen der Erlösung) – dabei richtet sich der Verdacht der Verführung in der Regel auf die Literatur; ein Beispiel ist die Analyse der Verführer Dostoevskijs durch verschiedene Philosophen (Stepun 1996, dt. 1961; Gessen 1996; Berdjaev 1994; s. genauer dazu Ackermann 1998).




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