Literatur und Philosophie
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russisch
Unterprojekt 1:
Zwischen ästhetischer und argumentativer Rede.
Der literarische Diskurs als Ort kultureller Selbstreflexion in Russland im 19. Jahrhundert
(Dr. Irina Wutsdorff)






Ziele und Arbeitsprogramm

Ausgangspunkt


Einerseits positionieren sich zahlreiche Werke der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts an der Schnittstelle zwischen Literatur und Philosophie, indem sie Fragen der Kunst-, Moral- und Religions- sowie Geschichts- und Gesellschaftsphilosophie thematisieren. Auf der anderen Seite zeichnet sich die russische Philosophie des 19. Jahrhunderts durch eine auffällig häufige Verwendung (semi-)literarischer Genres wie Brief oder Essay bis hin zu philosophischer Lyrik und Narrativik (Solov’ev und Gercen) aus. Philosophischer und literarischer Diskurs sind also in der russischen Kultur offenbar nicht klar voneinander abgegrenzt, vielmehr erscheint die Literatur gar als der primäre Ort, um weitreichende Themen auch philosophischer Dimension zu verhandeln. Diese – in der Sekundärliteratur (s. Forschungsstand) häufig getroffene – Feststellung bildet den Ausgangspunkt des Projekts.




Fragestellungen und Thesen

In dem Projekt interessiert vor allem, auf welche Weise dieses spezifische weitgefasste Literaturverständnis sich in den literarischen Werken selbst artikuliert und ihre poetische und rhetorische Verfasstheit beeinflusst. Die These lautet, dass die Texte ihre jeweilige Auffassung von Literatur als zentralem Medium der (gesellschafts-, geschichts- und moral-)philo­sophi­schen Reflexion auf implizite oder explizite Weise manifestieren, evtl. reflektieren und legitimieren. Der Fokus der Untersuchungen liegt somit auf den Strategien, die die Texte für ihr Oszillieren zwischen literarischem und philosophischem Modus entwickeln.

Indem die russische Kultur literarischen Texten einen Sonderstatus zuweist als primäres Medium der (kultur-)philosophischen (Selbst-)Reflexion, trägt sie einen heteronomen Anspruch an die Literatur heran. Auf der anderen Seite werden philosophische Aussagen, wenn sie in literarischer Rede verhandelt werden, von deren Mehrdeutigkeit erfasst. Die russische Literatur – so die Annahme – unterliegt insofern unter den Bedingungen des sog. Literaturozentrismus einer ganz besonderen Spannung: Dem Bedeutungsreichtum ästhetischer Rede steht häufig die Sehnsucht nach einer unmittelbaren, möglichst eindeutigen Rede gegenüber, der Tendenz der Literatur zu Vieldeutigkeit der Wunsch nach (philosophischer) Eindeutigkeit.

Es lassen sich mehrere Arten der Reaktion auf dieses Spannungsverhältnis beobachten: Einige Schriftsteller (wie z.B. F. Dostoevskij mit seinem Dnevnik pisatelja / Tagebuch eines Schriftstellers) verfassen parallel zu ihren literarischen Werken reflektierende Schriften. Bei anderen führt der doppelte Anspruch zur Herausbildung einer Mischgattung zwischen Literatur und Philosophie, so etwa in Vl. Odoevskijs Prosazyklus Russkie noči / Russische Nächte. Den radikalsten Schritt wählen jene Autoren, die sich wie z.B. Vl. Odoevskij, N. Gogol’ und L. Tolstoj in ihrem Spätwerk von der Literatur ab und didaktischen, häufig religions- und moralphilosophischen Schriften zuwenden. Damit verwerfen sie die zunächst wegen ihrer Wirkmächtigkeit bevorzugte Literatur aufgrund der ihr inhärenten Mehrdeutigkeit, die ihre Wirkung unkalkulierbar macht. Ein besonders prägnantes Beispiel hierfür ist L. Tolstojs künstlerisch äußerst avancierte Erzählung Krejcerova sonata/Kreutzersonate, die er nach der mit seiner Beichte/Ispoved’ eigentlich vollzogenen Abkehr von der Literatur verfasst hatte und der er in Reaktion auf die seinen Intentionen zuwiderlaufende Rezeption ein erklärendes Nachwort in Form eines moralphilosophischen Traktats zu Fragen der Sexualität in der Ehe hinzufügte (Vgl. Baehr 1976, Møller 1988, Steltner 2004).

Das Projekt will deshalb auch untersuchen, mit welchen Strategien die Texte den Widerspruch zwischen heteronomem Anspruch und autonomer Tendenz der Literatur zu überwinden suchen bzw. inwiefern dieser Widerspruch deutliche Brüche hinterlässt.




Schwerpunkte – Textkorpus

Der Fokus der Untersuchung liegt auf einem Vergleich der Epochen der Romantik und des Realismus, in denen auf je eigene Weise Literatur und Philosophie verbunden wird. In der russischen Romantik entstehen Werke philosophierender Prosa und Lyrik. Zu den relevanten Autoren gehören hier V. Odoevskij, D. Venevitinov, I. Kireevskij, A. Chomjakov, F. Tjutčev und P. Čaadaev. Ein Bindeglied zwischen beiden Epochen ist N. Gogol’, der neben seinen literarischen Werken auch religionsphilosophische publizierte. In den großen realistischen Romanen F. Dostoevskijs und L. Tolstojs dann sind künstlerische Darstellungspraktiken aufs engste mit der Behandlung eines weitreichenden Spektrums moral- und geschichtsphilosophischer Fragen verzahnt. Auch diese beiden Autoren flankieren ihre schriftstellerische Tätigkeit mit theoretischen Texten. In Form von Ausblicken wird auch die Zeit der Jahrhundertwende einbezogen werden, zu der sich Philosophen-Literaten bzw. Literaten-Philosophen wie L. Šestov, V. Rozanov, V. Solov’ev, K. Leont’ev, N. Berdjaev und M. Geršenzon auf (philosophierende) Schriftsteller des zurückliegenden Jahrhunderts bezogen.



Methodisches Vorgehen

Literatur- und kulturwissenschaftlicher Ansatz


Das Projekt sucht die Überlappung von literarischem und philosophischem Diskurs in der russischen Kultur des 19. Jahrhunderts aus literatur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive zu betrachten und damit verschiedene Forschungsansätze zusammenzuführen, zumal beide einander ergänzen können: Genuin literaturwissenschaftliche Methoden sollen der Analyse jener rhetorischen und poetischen Verfahren dienen, mit denen die literarischen wie (literarisierten) philosophischen Texte ihren Geltungsanspruch innerhalb des kulturellen Systems begründen, dessen größere Zusammenhänge mit den kulturwissenschaftlichen Methoden der Kultursemiotik und Diskursanalyse zu betrachten sind.



Diachrone Perspektive:
Literarischer und philosophischer Diskurs in Romantik und Realismus

Die Untersuchungen sollen die Verwendung rhetorischer Figuren (wie z.B. der Prosopopöe; vgl. hierzu Menke 2005) bzw. einzelner Textgattungen im literarischen und philosophischen Diskurs vergleichen (so z.B. F. Dostoevskijs Briefroman Bednye ljudi/Arme Leute und P. Čaadaevs Philosophische Briefe). Hinzu tritt eine diachrone Vergleichsperspektive, da Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Verschränkung beider Diskurse in den Epochen der Romantik und des Realismus untersucht werden sollen (z.B. die philosophischen Gespräche, die V. Odoevskijs Zyklusroman Russkie noči / Russische Nächte rahmen, die langen dialogischen Passagen in Dostoevskijs Romanen Besy / Die Dämonen und Brat’ja Karamazovy / Die Brüder Karamasov und V. Solov’evs philosophische Drei Gespräche / Tri razgovora).

Ein wiederkehrendes Phänomen ist die im Spätwerk proklamierte Abkehr künstlerisch avancierter Autoren wie N. Gogol’ (vgl. Frank 1999) oder L. Tolstoj (vgl. Zurek 1996, Sasse 2005) von der Literatur. Bei aller Differenz der epochenspezifischen Poetiken bildet das zwiespältige Verhältnis zur ästhetischen Qualität literarischer Rede offenbar eine Konstante: Die Idee eines in religiösem Denken verankerten allumfassenden Zusammenhangs scheint sich einerseits gerade in ästhetischer Rede, die sich durch vielfache interne Wechselbeziehungen auszeichnet, besonders gut ausdrücken zu lassen (Vgl. Tolstojs Traktat Čto takoe iskusstvo?/Was ist Kunst?). Andererseits tendiert ästhetische Rede eben in ihrem Beziehungsreichtum immer zu Bedeutungsvielfalt und steht damit der Intention entgegen, jener (religions-)philosophischen Idee einen möglichst unmittelbaren, eindeutigen Ausdruck zu verleihen.




Diskursanalytische Perspektive:
Konstanten und Varianten der kulturellen Selbstreflexion


Hier interessiert insbesondere, inwieweit sich in den russischen Selbstbeschreibungsmodellen wiederkehrende Muster finden lassen: Von den Slavophilen war gegen die rationalistische Zersplitterung, die sie sowohl im Denken wie in der sozialen Praxis des Westens am Werk sahen, für Russland die Tendenz zu Ganzheitlichkeit und zu einem die Einheit in der Vielheit wahrenden allseitigen Zusammenhang betont worden, verankert sowohl im orthodoxen religiösen Denken (so in A. Chomjakovs sobornost’-Konzept) wie auch in der urslavische Prinzipien bewahrenden russischen Dorfgemeinde (so in K. Aksakovs obščina-Konzept). Anhand der Figuren des Pierre Bezuchov in Vojna i mir/Krieg und Frieden bzw. des Levin in Anna Karenina gestaltet dann L. Tolstoj die Suche nach einem Leben im Einklang mit dem ursprünglichen russischen Bauerntum und setzt den Diskurs so im Medium der Literatur fort. Dabei werden seine wie auch Dostoevskijs Romane im Rückblick selbst zu Manifestationen genuin russischen – und damit nicht dem rationalistischen westlichen Schema entsprechenden – Philosophierens erklärt: Die selbst in einem Zwischenbereich zwischen Philosophie und  Literatur angesiedelten Schriften russischer Denker der Jahrhundertwende wie Vasilij Rozanov (1894) oder Lev Šestov (1900 und 1903) beziehen sich auf die Werke Tolstojs und Dostoevskijs (vgl. hierzu Grübel 2005, speziell zu Rozanov Grübel 2003).

An diese diskursanalytischen Beobachtungen schließt sich die Frage an, inwieweit die wiederholte Proklamation der russischen Denk- und Lebensweise als dezidiert anti-analytische mit der Affinität zu literarischen Ausdrucksformen korreliert, inwieweit also ein Wechselverhältnis zwischen der spezifischen Diskursformation der russischen Episteme, d.h. der gering ausgeprägten Unterscheidung zwischen literarischem und (geschichts- und kultur-)phi­losophischem Diskurs einerseits und den Selbstbeschreibungsmodellen der russischen Kultur andererseits besteht. In der funktional nicht oder nur geringfügig ausdifferenzierten russischen Gesellschaft wird die Literatur zum Leit- und Metadiskurs kultureller Selbstverständigung. Möglicherweise befördert die Wahl literarischer bzw. literarisierter Genres, in denen mit ästhetischen Verknüpfungsverfahren ein allseitiger Zusammenhang gestiftet werden kann, den Entwurf von Selbstbeschreibungsmodellen, die die mit analytischen Begriffen nicht fassbare, nur intuitiv erfassbare Teilhabe an einem (oft auch religiös gedachten) umfassenden Zusammenhang als Wesensmerkmal russischer Kultur und Identität akzentuieren.



Komparatistische Perspektive:
Spezifik der russischen Literatur im Vergleich zu(r) westeuropäischen

Der in der russistischen Forschung wiederholt konstatierte Sonderstatus der russischen Literatur als primärem Medium kultureller Selbstreflexion soll mit Hilfe ausgewählter Fallstudien ergänzend aus einer komparatistischen Perspektive beleuchtet werden, um die Spezifik dieses russischen Phänomens zu verdeutlichen. Für die Epoche des Realismus bietet es sich hier an, einschlägige Romane zu vergleichen (z.B. die Facetten realistischen Schreibens in den Ehebruchsromanen Anna Karenina, Madame Bovary und Effi Briest).

Für die Romantik wird z.B. ein Vergleich zwischen der Vermischung von Literatur und Philosophie in Vladimir Odoevskijs Prosazyklus Russkie noči / Russische Nächte und dem philosophischen Anspruch der Universalpoesie in der deutschen Frühromantik unternommen. Dabei fällt in Odoevskijs Adaption von Konzepten der deutschen Romantik der weitgehende Verzicht auf die dort entwickelten Ideen zu einer Autonomieästhetik auf; anschlussfähig für die als hybrider Metadiskurs stets auch heteronome Funktionen erfüllende russische Literatur ist dagegen vor allem der Gedanke, Literatur könne einem umfassenden, ganzheitlichen Zusammenhang Ausdruck verleihen.





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