Literatur und Philosophie
fedorov solovjev tolstoj                                                 dfg logo        uni logo
Unterprojekt 1 Unterprojekt 2 Unterprojekt 3 Bibliographie Home
Dachprojekt
Personalia
Kooperation
Seminare
Konferenzen
Links
Publikationen
russisch

Philosophie als Literatur, Philosophie über Literatur, Philosophie in der Literatur. Zur Interaktion von Literatur und Philosophie 

in der russischen Kultur.


Zusammenfassung

Als Beginn der russischen Philosophie gilt Petr Čaadaevs Erster Philosophischer Brief von 1829/30. Aufgrund einer fehlenden Ausdifferenzierung der Diskurse hat die Literatur in Russland bis ins frühe 20. Jahrhundert Funktionen der Philosophie übernommen, während die ersten philosophischen Texte eine literarische Form annahmen. Literatur und Philosophie standen damit in einer Konkurrenzsituation, führten aber auch einen Dialog miteinander:  Dostoevskij schrieb philosophische Romane, Alexander Herzen verfasste polydisziplinäre Texte, und die symbolistischen Philosophen philosophierten über Literatur.

Das Projekt will die Berührungen, Widerstände und Aneignungsmechanismen zwischen Literatur und Philosophie aus verschiedenen Perspektiven und epochenspezifisch (19. Jahrhundert, 19. und 20. Jahrhundert, Avantgarde) jeweils anders fokussiert in den Blick nehmen und setzt sich aus 3 Unterprojekten zusammen:

  •           Unterprojekt 1: Zwischen ästhetischer und argumentativer Rede. Der literarische Diskurs als Ort kultureller Selbstreflexion in Russland im 19. Jahrhundert (Dr. Irina Wutsdorff)
  •           Unterprojekt 2: Verführung (Prof. Dr. Schamma Schahadat)
  •           Unterprojekt 3: Radikale Anthropologie der 1920er und 1930er Jahre in philosophischen und narrativen Formen (Dr. Nadežda Grigor’eva)
Russische Kooperationspartner bearbeiten das 18. und frühe 19. Jahrhundert.

Stand der Forschung

Das Projekt geht von einer theoretischen Fragestellung aus, die die Beziehung zwischen Literatur und Philosophie untersucht. Sowohl die westliche als auch die russische Forschungsliteratur zu diesem Thema soll den Hintergrund bilden für die verschiedenen, eng miteinander vernetzten Unterprojekte.

Für die russische Kultur des 19. Jahrhunderts wird immer wieder ihre Tendenz konstatiert, Selbstreflexion und ‑definition vorrangig im Medium der Literatur zu betreiben (so Berg 2000, Grübel/Smirnov 1997, Gudkov/Dubin 1994, Kretzschmar 2002, Lotman/Uspenskij 1986, Murašov 1993, Ryklin im Gespräch mit Richard Rorty 2006, Städtke 1978). Dies gilt vor allem im Vergleich mit Westeuropa, wo der literarische Diskurs sich zu einem autonomen Bereich entwickelte, während die Literatur in Russland zum Aktionsraum der verschiedensten Diskurse wird. Fragen geschichts- und gesellschaftsphilosophischer Natur nach dem Beitrag des eigenen Volkes zur Weltgeschichte bzw. nach der besten Gesellschaftsform sowie moral- und religionsphilosophische Fragen nach einem guten, an religiösen Idealen orientierten Leben werden bevorzugt in der Literatur verhandelt. Literatur dient damit vor allem einer praktischen Philosophie als Medium.

Diese spezifische Struktur des russischen Kultursystems ist in der Forschung unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet worden. Kultursemiotisch (Lotman/Uspenskj 1986) bzw. diskursanalytisch (Murašov 1993) lässt sie sich mit der von der Orthodoxie herrührenden hohen Wertschätzung des sakralen Textes als Träger eines ,wahren‘ Wissens erklären – dieses Textverständnis wurde in wesentlichen Punkten auch auf den poetischen Text übertragen. Die binäre Einteilung in ,wahr‘ oder ,falsch‘ blieb laut Grübel/Smirnov (1997) weiterhin prägend für die russische Verstehensweise von Texten und Kultur(en). Städtke (1978, 2002) macht soziologische Gründe für die hohe Wertschätzung der Literatur geltend, so die relativ späte Entwicklung des Literaturbetriebs und die strenge Zensur, der zum Beispiel die Publizistik, aber auch die zeitweise gänzlich verbotene Philosophie ausgesetzt waren. Aus systemtheoretischer Sicht (Kretzschmar 2002) korreliert der umfassende Geltungsanspruch der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts mit ihrer anders als in Westeuropa nicht erfolgten Ausdifferenzierung zu einem autonomen Teilsystem, weshalb sie weiterhin heteronome Funktionen als Medium kultureller Erkenntnis und Selbstreflexion erfüllt.

Die drei Unterprojekte sowie die Projekte der russischen Kooperationspartner (dazu s. unten) verfolgen Fragestellungen, die bisher nur wenig oder gar nicht bearbeitet wurden.

Folgende Forschungsliteratur bildet den Rahmen für die einzelnen Projekte:

    Allgemeine Arbeiten zur Interaktion von Literatur und Philosophie
  • Allgemeine Arbeiten zur Interaktion von Literatur und Philosophie     
  • Literatur und Philosophie im russischen Kontext
  • Die zeitgenössische Debatte, die in Russland vor allem in den 1990er Jahren zu diesem Thema geführt wurde.

Literatur und Philosophie im russischen Kontext

Die These, dass Philosophie und Literatur in der russischen Kultur besonders eng miteinander verschränkt sind, erfolgt vor dem Hintergrund eines (westlichen) Kulturverständnisses, in dem die einzelnen Diskurse ausdifferenziert und deutlich voneinander getrennt sind. Diese für die westeuropäischen Kulturen typische Diskurstrennung im Zuge der Moderne zeigt sich zum Beispiel in der Verwendung der  Literatur als polemisches Verfahren im Streit der Philosophen im 18. Jahrhundert (Voltaire gegen Leibniz), und sie bildet auch in der Romantik die Folie für eine Grenzüberschreitung zwischen den Diskursen und für die Forderung nach einer „Universalpoesie“.

Die fehlende Ausdifferenzierung zwischen den Diskursen und die daraus folgende Verzahnung zwischen Literatur und Philosophie im russischen Kontext hat verschiedene Ursachen: Zum einen folgt das russische philosophische Denken von Anfang an einer platonischen Tradition (im Gegensatz zu einer aristotelischen) und wendet sich damit gegen eine „westliche“, „rationale“ Philosophie (das gilt für die slavophilen Denker); die sogenannen Westler führen im 19. Jahrhundert in ihrer Auseinandersetzung mit den Slavophilen genau dieses rationale Denken ins Feld. Zum anderen ist die russische Kultur grammatozentrisch bzw. literaturozentrisch ausgerichtet (s. dazu zum Beispiel Murašov 1993, Schahadat 1995). Damit ist das Phänomen bezeichnet, dass die Literatur primärer Ort für den Entwurf und die Verhandlung von Konzepten für beinahe alle Lebensbereiche ist. Vielleicht am prägnantesten schlägt sich dies in einer (welt)weit verbreiteten Lektürehaltung nieder, die insbesondere die „große philosophische Tiefe“ der Romane des Realismus, also etwa Tolstojs und Dostoevskijs, akzentuiert. „In ungleich höherem Maße als in den europäischen Literaturen“ sind in dieser Romanprosa „die Diskurse von Geschichts- und Moralphilosophie, Religion und Wissenschaft, Gesellschaftskritik und ‑utopie vermischt.“ (Städtke 2002, S. IX). Eine Folge dieses prekären Status der russischen Philosophie ist, dass es bis in die jüngste Zeit innerhalb der Disziplin immer wieder zu Diskussionen um den Status der russischen Philosophie (Überblicke bei Goerdt 1989 und 1995, Ackermann/Raiser/Uffelmann 1995, Ryklin/Städtke/Uffelmann 2002) kommt, konkret um die Frage, inwieweit sie die entsprechenden Kriterien überhaupt erfüllt (vgl. Ignatov 1996). Wenn – teils mit negativer, teils mit positiver Konnotation – als Gegenbegriff zum westeuropäischen der Philosophie (als Diskurs) der des ,Philosophierens‘ (als Akt) vorgeschlagen wird (so z.B. bei Peskov 1998 im Anschluss an Špet 1922), ist dies ein Rückgriff auf den in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkommenden Disput zwischen den sogenannten Westlern, die eine Annäherung an westliche Traditionen und westliche Philosophie forderten (als prägnanter Auslöser der Debatte gilt Petr A. Čaadaev mit seinem französisch geschriebenen Ersten philosophischen Brief, 1829) und den sogenannten Slavophilen, die in Reaktion darauf auf russische Traditionen zurückgriffen (als erste und prominent Ivan Kireevskij und Aleksej Chomjakov). Als Manifestationen russischen Philosophierens werden dabei vor allem literarische Werke genannt: Die selbst in einem Zwischenbereich zwischen Philosophie und  Literatur angesiedelten Schriften russischer Denker des frühen 20. Jahrhunderts wie Vasilij Rozanov (1894) oder Lev Šestov (1903) etwa beziehen sich auf Werke Dostoevskijs (vgl. hierzu Grübel 2005, speziell zu Rozanov Grübel 2003).

Einer der prominentesten Ansätze zur Erklärung der spezifischen und im Vergleich zu Westeuropa differenten Struktur des russischen Kultursystems ist sicherlich der der semiotischen Schule von Moskau/Tartu. Lotman und Uspenskj (1986) stellen dabei das russische Textverständnis dem westeuropäischen gegenüber: Die ursprüngliche russische Kultur konstituiere sich als Textkultur, sie sei vorrangig auf den Ausdruck orientiert und habe von sich selbst eine Vorstellung als „richtiger Text“. Die Basisopposition, die sie zur Bewertung von Texten heranzieht, sei richtig – falsch. Die westeuropäische Kultur hingegen konstituiere sich als Regelsystem, die Basisopposition sei hier nicht richtiger oder falscher Text, sondern geregelt oder ungeregelt. Die Bewertung orientiere sich dabei vorrangig auf den Inhalt. Nicht wie er ausgedrückt ist, stehe im Vordergrund, sondern ob er den allgemein anerkannten Regeln entspricht. (vgl. dazu auch Lachmann 1987). Im Anschluss daran haben Rainer Grübel und Igor’ Smirnov (1997) für die spezifische Form der russischen kulturellen Selbstreflexion den Terminus der Kulturosophie vorgeschlagen: Demnach zeichnet sich die kulturosophische Herangehensweise an (bestehende) Kultur(en) durch das Zerlegen in „axiologische Dichotomien“ aus, in ,wahre‘ und ,falsche‘ Kulturen, womit zugleich ein „höheres und endgültiges, ein werthaftes Verstehen von Kulturen“ (Grübel/Smirnov 1997, S. 5) erstrebt wird. Anders als in der (westeuropäischen) Philosophie wird Allgemeingültigkeit hier nicht über die Einhaltung argumentativer Verfahrensregeln erreicht, sondern dieser Status wird der einen als ,wahr‘ erkannten Kultur zugesprochen. Dabei existieren Parallelen zum religiösen Denken, das wahre Schöpfung von falscher Imitation und Sakrales von Nichtsakralem scheidet. In Übernahme des Konzepts der Kulturosophie hat Uffelmann (1999) mehrere kulturtheoretische Debatten des 19. Jahrhunderts auf die jeweilige Ausfaltung eines solchen dichotomischen Wertungsschemas hin untersucht. Wenn die Unterprojekte die Verschränkung der zwei Diskurse Literatur und Philosophie vom frühen 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts zu erfassen sucht, dann ergibt sich als Befund, dass die russische Moderne sich dezidiert von einer westlichen unterscheidet. Das Projekt wird damit zu der gegenwärtigen Diskussion beitragen, die ‚Moderne’ nicht als homogenes, sondern vielmehr als kulturell unterschiedlich kodiertes Phänomen sehen und das Konstrukt ‚Moderne’ pluralisieren; zu berücksichtigen ist dabei auch Bruno Latours These „Wir sind nie modern gewesen“ (Latour 1998), der die Trennung der Diskurse insgesamt als Illusion ansieht – und damit den westlichen und den russischen Diskurs einander annähert.

 

Die  Debatte über Literatur und Philosophie in Russland im 20. Jahrhundert

Den Höhepunkt im Dialog zwischen russischer Literatur und Philosophie bildet zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Symbolismus, wobei philosophische Konzepte literarisch vermittelt wurden; so rezipierten die symbolistischen Dichter Vladimir Solov’evs Philosophie über den Umweg seiner Lyrik. Zu der Zeit kam es auch zu einer intensiven Philosophen-Rezeption (Schopenhauer und Nietzsche etwa werden u.a. von Andrej Belyj rezipiert, über Nietzsche in Russland s. z.B. Rosenthal 1986). Im Symbolismus bildete sich dann auch der Typus des Literaten-Philosophen heraus: Vasilij Rozanov schrieb über Dostoevskij und Gogol’, Nikolaj Berdjaev über die russischen Klassiker und über Andrej Belyj, Lev Šestov über die Tragödie, Ivan Il’in über Lev Tolstoj, Sergej Bulgakov über Herzen und Picasso. (Zur Dostoevskij-Rezeption in der Philosophie der Jahrhundertwende s. zum Beispiel Ackermann 1998, zu Rozanov s. Grübel 2003, 2005). Vor dem Hintergrund des symbolistischen „Ur-Textes“ verschwimmen die Grenzen zwischen den Diskursen.  Auch die Philosophie über die Kunst ist hier zu nennen, so Pavel Florenskijs und Evgenij Trubeckojs Arbeiten über die Ikonen. Im Stalinismus fungierte die Ästhetik (von Ėjzenštejn, Joffe, Bachtin u.a.) als eine Art „Ersatzphilosophie“ in Absetzung zu der vom Marxismus dominierten offiziellen Philosophie.

Die Moskau-Tartuer Schule lässt sich als negative Reaktion auf den Stalinistischen „Philosophen-Staat“ - der Philosoph als Schuldiger, eine These, die von offizieller Seite entwickelt wird; vgl. im Westen Adorno/Horkheimer (1947) und Glucksmann (1975) - begreifen und hat die Philosophie der Kunst weitestgehend ignoriert (zur Moskau-Tartuer Schule s. z.B. Eimermacher 1986, Lotman/Uspenskij/Ivanov u.a. 1986, Schönle 2006). Eine Ausnahme bilden Merab Mamardašvili, dessen Vorlesungen über Proust postum veröffentlicht wurden (1993), und Aleksandr Pjatigorskij (s. vor allem Pjatigorskij 1995). Der Dialog zwischen Philosophie und Kunst (bzw. Kunstwissenschaft) wird erst in den 1990er Jahren wieder aktiv geführt, s. dazu zum Beispiel den Sonderband von Novoe literaturnoe obozrenie 1996, 17. Dort behandeln unter anderem S. Zenkin, S. Kozlov, E. Degot’, B. Dubin, A. Zorin, V. Podoroga, M. Ryklin und M. Gasparov die Frage der Beziehung zwischen Philologie und Philosophie, wobei die Ausgangsfrage lautet „Hat sich die Philologie überlebt?“. Weitere Arbeiten, in denen Philologie und Philosophie aufeinandertreffen und einander affizieren, sind zum Beispiel Ryklin 1992, Groys 1993, Podoroga 1995 (über Proust und Kafka), Savčuk 1995 (über Archetypen der ästhetischen Kultur),  Smirnov 1996 (über die Philosophie in Boris Pasternaks Roman Doktor Živago), Achutin  1997 (über die Philosophie der Tragödie, s. dazu auch das westliche Pendant von Christoph Menke 2005),  Jampol’skij 1998 (eine philosophische Lesart Daniil Charms’), Dubin 2001 (ein philosophisch-soziologischer Ansatz zur literarischen Kommunikation), Savčuk 2001 (über die Philosophie und den iconic turn), Podoroga 2006 (eine philosophische Interpretation der Werke Gogol’s und Dostoevskijs), Jampol’skij 2007 (über die Philosophie der Repräsentation in Literatur und Malerei).


Zielsetzung

Inhaltliche Zielsetzung: Ausgehend von der These, dass die russische Kultur – anders als die westliche – bis weit ins 19. Jahrhundert über ein wenig ausdifferenziertes Diskurssystem verfügte, lässt sich behaupten, dass die Philosophie und die Literatur aufeinander verweisen, jeweils die Funktion des anderen übernehmen, dass sie einander usurpieren und aneinander partizipieren. Konkret bedeutet das, dass ein auf allgemeingültige Erkenntnis und Wahrheit der letzten Dinge ausgerichteter Diskurs (die Philosophie) und ein ästhetischer Diskurs (die Literatur) miteinander interagieren, wobei die Philosophie in literarischen und philosophischen Texten fiktionalisiert wird. Philosophie und Literatur befinden sich, so die These, in einem ambivalenten Spannungsverhältnis, das durch Aneignung und Konkurrenz bestimmt wird. Indem die Projekte in unterschiedlichen Epochen verankert sind, primär im 19. Jahrhundert (Wutsdorff), im 19. und 20. Jahrhundert (Schahadat) und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Grigor’eva), wird ein Zeitraum erfasst, der im wesentlichen die Moderne erfasst. Dieses Moderne sieht in Russland, wie einerseits die primäre Rezeption der platonischen (anstatt der aristotelischen) Linie der Philosophie zeigt, andererseits die mangelnde Differenzierung zwischen den Diskursen Literatur und Philosophie, dezidiert anders aus als im Westen und zeugt von der Existenz einer „anderen Moderne“, die nicht unbedingt dem westlichen Muster entspricht.

Daran anschließend lassen sich einige allgemeine Fragen formulieren, die für alle drei Unterprojekte relevant sind:

  •           Inwiefern lassen sich in der russischen Kultur des 19. und 20. Jahrhunderts literarische und philosophische Gattungen unterscheiden? Romane (zum Beispiel die ‚philosophischen’ Romane Dostoevskijs), Briefe (Petr Čaadaevs Filosoficeskie pis’ma / Philosophische Briefe) und literaturkritische Artikel (zum Beispiel die Essays von Nikolaj Berdjaev) sind literarisch-philosophische Mischgattungen, die eine eigene interdiskursive Textgattung begründen. Hier schließt sich  die Frage an, ob und wie die Konkurrenz zwischen den beiden Diskursen in den Texten sichtbar ist.
  •           Welche historischen Transformationen lassen sich in der Beziehung zwischen Literatur und Philosophie feststellen? Wie entwickelt sich das Verhältnis zwischen ihnen von der Romantik über den Realismus / Positivismus und den Symbolismus bis hin in die 1920er / 1930er Jahre?
  •          Wie radikalisiert sich die philosophische Denkweise der Avantgarde-2 (1930er-40er Jahre) und welche Folgen hat diese Radikalisierung für ihre Ästhetik?
  •           In welchem Verhältnis befinden sich allgemeingültige Äußerungen (Philosophie) und der imaginativ-fiktionale Diskurs (Literatur) – inwiefern wird der Anspruch auf Wahrheit durch ästhetische Verfahren unterminiert bzw. welche Funktion hat die Ästhetisierung für den argumentativen Diskurs?
  •           Auf welche Weise verfolgen Literatur und Philosophie eine anthropologische Thematik und worin unterscheidet sich ihr Umgang mit „dem Menschen“?
  •           Bilden ästhetische Formen und Verfahren philosophische Konzepte ab? Es ließe sich zum Beispiel untersuchen, inwiefern das Konzept des Gesamtkunstwerks die philosophische Idee von der All-Einheit umsetzt.
  •           Wie agonal ist die Beziehung zwischen Literatur und Philosophie? Versucht der eine Diskurs den anderen zu vernichten (s. z.B. die Polemik Dostoevskijs gegen Kant, Golosovker 1963, oder Berdjaevs These, dass die russische Literatur für die Revolution 1917 verantwortlich ist)?

 

Praktische Zielsetzung: Die drei Unterprojekte wollen unter dem großen Dach "Literatur und Philosophie" einzelne Aspekte aus diesem Bereich bearbeiten und in Kooperation mit den russischen WissenschaftlerInnen die Einzelergebnisse zusammenführen.
                                  ©   Slavisches Seminar
                                  e-mail: nss-inf2@uni-tuebingen.de